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Mit Vorsicht zu genießen: Monopole im Internet

von | 18 Februar 2020

Das Internet ist eine grandiose Schöpfung, für die ich sehr dankbar bin. Ich bin täglich im Schnitt etwa zehn Stunden aktiv online. Mein meistgenutztes Stück Software ist seit vielen Jahren Mozilla Firefox. Der liebenswürdige orangefarbene Fuchs ist mein Tor zur Online-Welt. Der Browser liefert mir das aus, was Webseiten-Betreiber auf ihren Servern zusammenprogrammiert haben. Im Prinzip ist der Browser also wie ein Paketbote, der mir bestellte Ware liefert.

Wenn wir mal in dieser bildlichen Sprache bleiben, dann ist die Suchmaschine so etwas wie eine Auskunftei. Sie stellen der Suchmaschine eine Frage, zum Beispiel: „Wie funktioniert ein Pt100 Temperaturfühler?“ und die Suchmaschine empfiehlt Ihnen Webseiten, die diese Frage beantworten könnten. Webseiten, die der Suchmaschine Geld bieten, werden dabei an erster Stelle genannt – selbst dann, wenn Sie nicht unbedingt zu Ihrer Frage passen. Das nennt man dann Suchmaschinenwerbung (SEA, Search Engine Advertising).

Zentralisierung des Internets in der Suchmaschine

Aber die Auskunftei hat Größeres vor: ihr Ziel ist es, langfristig alle Fragen des Internets selbst beantworten zu können – ohne dazu überhaupt noch andere Webseiten empfehlen zu müssen. Deshalb gibt es seit ein paar Jahren das Featured Snippet. Dieser „Textschnipsel“ ist darauf getrimmt, Ihre Frage direkt in der Suchmaschine zu beantworten. Das ist komfortabel, da Sie als Nutzer Ihren gesamten Informationsbedarf irgendwann quasi ausschließlich durch die Auskunftei decken können. Sie müssen vielleicht nie wieder auf eine andere Webseite als die der Suchmaschine – denn dort bekommen Sie alles, was Sie brauchen. Die Suchmaschine wird zunehmend zum One-Stop-Shop.

Probleme der Zentralisierung

Sie ahnen es schon: da muss es doch irgendwo einen Haken geben, oder gar mehrere. Ganz richtig!

  1. Als Webseiten-Betreiber gewinnen Sie weniger organischen Traffic und sehen sich so u.U. gezwungen, Suchmaschinenwerbung zu schalten
  2. Als Suchmaschinen-Nutzer bekommen Sie immer mehr Werbung zu sehen
  3. Die Meinungsmacht der Suchmaschine steigt durch die Zentralisierung der Information bzw. der Positionierung als Informationsorgan weiter an

Der größte Suchmaschinenbetreiber der Welt – ja, Sie denken an den richtigen – ist sehr erfolgreich. 2018 hat er 116.320.000.000 $ US an Werbeeinnahmen generiert. Oder leichter zu lesen: 116,32 Milliarden US-Dollar. Offenbar lohnt es sich, eine Auskunftei zu betreiben!

Das meistgenutzte Web Analytics Tool

Als mehrfacher Webseiten-Betreiber weiß ich: ohne Web Analytics geht gar nichts. Erst der Einsatz solcher Tools ermöglicht es Ihnen, Einblicke in das Verhalten Ihrer Nutzer zu bekommen. Das mit Abstand am häufigsten eingesetzte Web Analytics Tool stammt vom – Sie liegen richtig – größten Suchmaschinenbetreiber der Welt.

Der Preis: die Daten. Das Analytics Tool des Suchmaschinenbetreibers kostet in der Standardversion kein Geld. Sie bezahlen das Unternehmen mit Daten. Wenn Sie Google Analytics einsetzen, übertragen Sie die Daten und sämtliche Nutzungsrechte daran auf die Server des Anbieters. Damit haben nicht nur Sie Ihre Website-Daten, sondern auch der größte Suchmaschinenbetreiber der Welt (und selbstverständlich verwertet er diese Daten auch).

Zwischenfazit: Wir wissen jetzt, dass die größte Suchmaschine sowie das am weitesten verbreitete Web Analytics Tool der westlichen Welt aus einer Hand stammen.

Erinnern Sie sich noch an den Paketboten?

Schließen wir den Kreis und kommen zurück auf den Paketboten: der Browser, der mir Webseiten ausliefert. Noch vor zehn Jahren war Microsofts Internet Explorer (erinnern Sie sich?) mit großem Abstand weltweiter Marktführer (65,4 % Marktanteil).
Mittlerweile gibt es einen anderen Marktführer. Vielleicht erraten Sie’s: wer dominiert mit 68,9 % Marktanteil den weltweiten Browser-Markt?
Richtig, der größte Suchmaschinenbetreiber der Welt mit seinem Browser Chrome.

Der Kreis schließt sich: Google dominiert das westliche Internet

Der Browser, mit dem die meisten von uns aufs Internet zugreifen, ist von Google. Die Suchmaschine, die die meisten von uns verwenden, ist von Google. Das Analytics-Tool, das die meisten Webseitenbetreiber zur Auswertung der Nutzungsdaten verwenden, ist von Google. Fällt Ihnen da etwas auf?

Fehlt nur noch ein Betriebssystem! Achso, gibt’s ja schon…

Browser, Suchmaschine und Analytics-Tool sind nicht genug? Google has got you covered: Android hat unter den mobilen Betriebssystemen einen Marktanteil von über 70 %. Wer federführend bei der Entwicklung von Android ist, können Sie sich spätestens jetzt denken.

Ich bin nicht gegen Google

Die Produkte des Alphabet-Konzerns (das ist die Google-Muttergesellschaft) bereichern unser Leben täglich. Die Suchmaschine ist nach wie vor die mit Abstand beste, die ich kenne. Die zweitgrößte Suchmaschine der Welt kommt übrigens aus demselben Hause: YouTube ist ein Google Produkt.

Google ist keine NGO und keine demokratisch legitmierte Instanz, sondern ein kapitalistisches Unternehmen. Und das finde ich vollkommen in Ordnung – auch ich habe als Unternehmer die Absicht, Gewinne zu erzielen. Was ich allerdings für sehr gefährlich halte, ist die Marktmacht des Unternehmens: Google ist ein Quasi-Monopolist, und das in fünf entscheidenden Bereichen unseres täglichen Lebens:

  • Zugang (Browser) -> Chrome
  • Suche -> Google Suche
  • Karten, Navigation -> Google Maps
  • Webanalyse -> Google Analytics
  • mobiles Betriebssystem -> Android

Sie können sich wahrscheinlich ansatzweise vorstellen, was man mit Daten so alles anstellen kann. Und wenn nicht, dann empfehle ich Ihnen die Lektüre über den Skandal um Facebook und Cambridge Analytica (US-Präsidentschaftswahl 2016). Der Fall zeigt eindrücklich, wie Internet-Plattformen missbraucht werden können – vom Betreiber oder von Dritten.

Daten + Analysekompetenz = Wissen
Wissen + Zielgruppenbesitz = Macht

Bewahren wir die wunderbare Schöpfung!

Eingangs habe ich das bereits kundgetan: ich liebe das Internet. Wie Sie mittlerweile gemerkt haben, macht mir aber die Quasi-Monopolstellung von Google Sorgen.
Wir sind aber nicht machtlos: als Nutzer oder Unternehmer können wir uns für die „Artenvielfalt“ im Internet einsetzen: z.B. indem wir andere Suchmaschinen (Ecosia, Duckduckgo, Bing, etc.) verwenden und auf andere Web Analytics Tools (z.B. matomo) setzen. Das liegt in der Verantwortung des Einzelnen – und je mehr Einzelne auf Alternativen setzen, desto weniger sind wir Monopolisten ausgeliefert.

Machen Sie jetzt den ersten Schritt und setzen Sie z.B. Ecosia als Standard-Suchmaschine in Ihrem Browser ein!